Verschiedene germanische Kulturgruppen
Das heutige Niederdeutsche hat sich aus der Sprache der alten Sachsen entwickelt. Im hohen Mittelalter wurde diese nur in einem relativ kleinen Gebiet, nämlich dem Stammesgebiet der Sachsen, gesprochen. Die Entstehung dieses Stammes ist bis heute nicht geklärt. Feststeht, dass im 2. Jh. nur die Bewohner des heutigen Holsteins unter dem Namen Saxones bekannt waren. Die späteren Sachsen waren wahrscheinlich das Ergebnis von Bündnissen, Wanderungen und Überschichtungen verschiedener germanischer Stämme. Der Name Sachsen (>*Sahsnotas) bedeutet "Schwertgenossen".
Die germanischen Stämme, aus denen das Sachsenvolk hervorging, gehörten ursprünglich verschiedenen Kultur- und wohl auch Sprachgruppen1 an:
Die sprachliche Einordnung des Altsächsischen ist schwierig. Das Altsächsische weist einige Merkmale auf, die typisch für das Nordseegermanische sind wie z.B. im Wort othar (andere). Hauptsächlich gehört das Altsächsische jedoch zur kontinentalen Gruppe des Westgermanischen. Mitunter kennt das Altsächsische sowohl die nordseegermanische als auch die kontinentale Form eines Wortes: ger (Jahr) und jar (Jahr) oder muth (Mund) und formund (Vormund). Im Gegensatz dazu repräsentiert das Angelsächsische den nordseegermanischen Sprachtyp in Reinform. Der nächste Verwandte des Angelsächsischen ist das Altfriesische.
Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, wie die sprachliche Mischung in den altsächsischen Texten zu erklären ist:
Da die Überlieferung des Altsächsischen fragmentarisch ist und erst nach der Unterwerfung durch Karl den Großen einsetzt, lässt sich diese Frage nicht mit Sicherheit beantworten.

Fehlen der hochdeutschen Lautverschiebung
In der Vergangenheit ist häufig behauptet worden, die Sachsen hätten sich nach den Sachsenkriegen Karls des Großen bewusst aus einer Art Widerstandsgeist heraus der hochdeutschen Lautverschiebung verschlossen. Die verschiedenen Wellen der hochdeutschen Lautverschiebung sind jedoch von Süddeutschland ausgehend bereits im Bereich des heutigen Mitteldeutschen versandet und haben den Norden nicht mehr erreicht. Nicht allein das Sächsische ist von der hochdeutschen Lautverschiebung unbeeinflusst geblieben. Dasselbe gilt auch für das fränkische Niederländische, das ebenfalls nicht an der hochdeutschen Lautverschiebung teilgenommen hat.
Niederdeutsch und Niederländisch
Niederdeutsch und Niederländisch werden seit spätestens Ende des Mittelalters als zwei unterschiedliche Sprachen betrachtet. Die erste niederdeutsche Vollbibel, die Kölner Bibel, jedenfalls erschien 1478/79 in zwei gesonderten Ausgaben: einer niedersächsischen Ausgabe und einer niederfränkischen Ausgabe, die vor allem in den Niederlanden Absatz fand. Rund achtzig Jahre später fand ein ähnlicher Vorgang statt, als in Emden lebende holländische Glaubensflüchtlinge Johan Bugenhagens niederdeutsche Übersetzung der Lutherbibel in das Niederländische übertrugen (die Emder Bibel).
Die altsächsische Gesellschaft
Man muss annehmen, dass es große regionale und soziale Unterschiede bei den Sachsen gab. Das Sachsengebiet war in drei bzw. vier Teilgebiete mit weitgehender Autonomie aufgeteilt: Westfalen2, Engern und Ostfalen. Nordalbingien im heutigen Holstein scheint eine Sonderstellung gehabt zu haben. Die Gesellschaft war in drei Stände eingeteilt: Adel, Freie und Liten. Diese Segmentierung der altsächsischen Gesellschaft dürfte sprachliche Folgen (oder Ursachen) gehabt haben. Jedenfalls weichen die aus Westfalen stammenden altsächsischen Texte in sprachlicher Hinsicht vom übrigen Altsächsischen ab.
Die altsächsische Literatur
Die Überlieferung des Altsächsischen setzt erst nach der Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen ein und ist weitgehend sakraler Natur. Das bedeutendste Literaturdenkmal des Altsächsischen ist der Heliand. Der Heliand ist eine Nacherzählung des Lebens Jesu auf Grundlage aller vier Evangelien (Evangelienharmonie). In der äußeren Gestaltung (Versmaß ect.), aber auch was die erzählerische Atmosphäre betrifft, steht der Heliand in der Tradition des altgermanischen Heldensangs.
Weitere altsächsische Textdenkmäler sind einige Bruchstücke des Alten Testaments (ebenfalls in Versform), das Altsächsische Taufgelöbnis und die Altsächsische Beichte. Für die Sprachforschung von Bedeutung sind die Personen- und Ortsnamen, die sich in verschiedenen Quellen wie der Freckenhorster Heberolle oder der Herzebrocker Heberolle finden.
Obschon in lateinischer Sprache verfasst ist die Sachsengeschichte (Res gestae Saxonicae) des Widukind von Corvey (gest. nach 973?) einer der Höhepunkte der altsächsischen Literatur. Das Werk schildert die Geschichte des Sachsenvolkes von den sagenhaften Ursprüngen bis zum Tode Ottos des Großen. Widukind hat wohl den größten Teil seines Lebens als Mönch im Kloster Corvey an der Weser verbracht. Man vermutet, dass er der Sippe der Nachfahren des Sachsenherzogs Widukind (Wittekind) entstammte und somit ein Angehöriger des sächsischen Hochadels war. Otto dem Großen scheint er mehrmals persönlich begegnet zu sein. Die Sachsengeschichte ist ein vielschichtiges Werk. Auf den ersten Blick liest sie sich wie eine offizielle Reichsgeschichte. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch der Eindruck ein, dass Widukind gegen viele Aspekte der ottonischen Reichspolitik opponiert hat. Interessant ist auch der Ausdruck summus pontifex, mit dem Widukind keinesfalls den Papst in Rom, sondern den Erzbischof von Mainz bzw. den von Köln meint.
Auswirkungen mittelalterlicher Gebietseinteilungen auf die heutigen niederdeutschen Mundarten
Der entscheidende Einfluss auf die Entstehung der heutigen Mundartgruppen ging von den mittelalterlichen Bistümern aus, wie die verblüffenden Übereinstimmungen mittelalterlicher Bistumsgrenzen mit den heutigen Mundartgrenzen nahelegen. Es ist anzunehmen, dass die Sprache des Bischofssitzes die Predigtsprache des Bistums und die der Wissensvermittlung beeinflusst und so im Laufe der Jahrhunderte auf die Umgangssprache abgefärbt hat. Für die Entstehung der heutigen westfälischen Mundartgruppen sind folgende Bistümer3 von Bedeutung: Das Bistum Münster für das Münsterländische, die Bistümer Osnabrück und Paderborn für das Ostwestfälische und das Bistum Köln für das Südwestfälische.
Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit haben sich in den verschiedenen feudalen Territorien kleinräumige Untermundarten gebildet, die häufig als die niederdeutschen Mundarten angesehen werden. Diesen Untermundarten liegen jedoch meistens nur Unterschiede in der Aussprache zugrunde, ohne dass die von Einfluss auf den grundlegenden Aufbau der Sprache wäre. Dieser entwickelte sich im hohen Mittelalter in Zusammenhang mit den damaligen Bistümern.
Die heutigen niederdeutschen Mundarten können auf das erst nach der Eroberung Sachsens durch Karl den Großen überlieferte Altsächsische zurückgeführt werden. Für die anschließende sprachliche Entwicklung war die nach der Unterwerfung Sachsens eingeführte kirchliche Organisation scheinbar von großer Bedeutung. Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass die uralte Dreiteilung Sachsens in Westfalen, Engern und Ostfalen auf subtile Weise in den heutigen niederdeutschen Mundarten fortwirkt. Beweisen lässt sich das aber nicht. Es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass die Eroberung Sachsens durch Karl den Großen sowie der Übergang zum Christentum einen tiefen Bruch mit der Vergangenheit bedeutet haben, der auch sprachlich so weitgehende Folgen hatte, dass wir über die sprachlichen Verhältnisse in der heidnischen Zeit nichts mehr sagen können.
Die Schwächung der altsächsischen Endsilben und die Dehnung der alten Kurzvokale
Um die Mitte des 12. Jhs. verändern sich die meisten altgermanischen Sprachen. Die schweren, farbigen Endsilben verschwinden, und an ihre Stelle treten die unbetonten Endsilben, wie sie heute noch üblich sind. Für das Niederdeutsche, besonders das Westfälische, hat dieser Vorgang weitreichende Folgen.
Die heutige, für das Westfälische so charakteristische Berechung der altsächsischen Kurzvokale ("Westfälische Brechung") nahm in dieser Zeit ihren Anfang. Ursache der Brechung der Kurzvokale war die Schwächung der Endsilben am Ende der altsächsischen Periode, wodurch der volle Wortakzent auf der Stammsilbe zu liegen kam. Hierdurch wurde es unmöglich, sowohl die Kürze als auch die Offenheit und Hochtonigkeit der betonten Silbe aufrecht zu erhalten. Das Westfälische reagierte hierauf, indem es dem alten Kurzvokal einen anderen kurzen Laut nachstellte. Das sprachliche System blieb dem alten Zustand nahe. Das Westfälische unterscheidet immer noch 7 der 8 ursprünglichen Kurzvokale in offener Silbe.
Die bislang offene Frage, ob die Brechung der alten Kurzvokale früher allgemein im Niederdeutschen verbreitet war, darf als beantwortet gelten, seitdem ein von 1599 stammender Druck des frühneuniederdeutschen Textes der Lutherbibel im Internet verfügbar ist. In der frühneuniederdeutschen Übersetzung erscheinen regelmäßig diakritische Zeichen an Stellen, an denen nach westfälischem Sprachgefühl eine Brechung zu erwarten ist:
Sehe an dat myner Vyende so vële ys unde haten my uth wrëvele.
(Psalm 25,19)
Worümme vaste wy unde du süst ydt nicht an. Worümme doe wy unsem Lyve wehe unde du wult ydt nicht wëten.
(Jesaja 58,3)
Alse denne wert dyn licht hervörbrëken alse de Morgenröde unde dyne Bëteringe wert snelle wassen...
(Jesaja 58,8)
Im Gegensatz zu den westfälischen Brechungen entspricht die funktionelle Verteilung der tonlangen Vokale im übrigen Niederdeutschen nicht der der altsächsischen Kurzvokale in offener, betonter Silbe. In den anderen niederdeutschen Mundarten wurden die aus den alten Kurzvokalen hervorgegangenen Brechungen gesenkt und gedehnt bzw. eingeebnet. Die Brechung war der erste Schritt zur Dehnung der Kurzvokale. Als Folge der Senkung sind die alten Kurzvokale teilweise zusammengefallen. Die Senkung der alten Kurzvokale hat sich nicht überall mit der gleichen Intensität vollzogen, weswegen die Verteilung der alten Kürzen in den verschiedenen Mundarten in unterschiedlichem Grade vereinfacht wurde. Im Ostfälischen werden 5 der ursprünglichen Kürzen unterschieden, im Nordniedersächsischen sind es jedoch nur 3. Der Zusammenfall des tonlangen und des altlangen a ist eine Folge der Senkung der alten Kurzvokale.
Regionale Ausformungen des Mittelniederdeutschen
Als Sprache der Hanse entwickelte sich das Mittelniederdeutsche zu einer Schriftsprache. Im späten Mittelalter fand das Niederdeutsche in beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen mündliche bzw. schriftliche Verwendung. In der Hanse gab es Tendenzen zur Vereinheitlichung der geschriebenen Sprache. Die Mundart Lübecks und seines Umlandes galt innerhalb der Hanse als Norm. Freilich waren die Möglichkeiten der Kommunikation und die Verkehrsverhältnisse noch nicht soweit entwickelt, dass eine einheitliche Schriftsprache hätte entstehen können. Innerhalb des geschriebenen Mittelniederdeutschen lassen sich deutlich verschiedene regionale Ausformungen erkennen, wie auch die Hanse selbst verschiedene Sonderbünde kannte, die regionale Angelegenheiten unter sich regelten.

Die Erweiterung des niederdeutschen Sprachgebietes
Die wohl wichtigste Entwicklung der mittelniederdeutschen Periode ist die Ausdehung des niederdeutschen Sprachgebietes. Im hohen Mittelalter war der altsächsische Sprachraum auf das Gebiet des sächsischen Stammesherzogtums beschränkt gewesen. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit hingegen hat sich der Sprachraum des Niederdeutschen erheblich erweitert. Die erste Erweiterung fand im 12. und 13. Jh. im Zuge der Ostmarkenkolonisation statt. Siedler aus allen Teilen des altsächsischen Gebietes, der heutigen Niederlande und Flanderns wanderten dabei in weite Gebiete östlich der Elbe ein, wo großräumige Ausgleichsmundarten nordniedersächsischer Prägung entstanden. (Kennzeichen der östlichen Ausgleichsmundarten ist das Fehlen des verbalen Einheitsplurals im Präsens auf -(e)t. Der Einheitsplural der jüngeren, durch Expansion entstanden Mundarten endet immer auf -(e)n.)
In dem um 1230 entstandenen Sassenspegel, einer Sammlung des Gewohnheitsrechts der Sachsen, wird folgende Beschreibung des sächsischen Gebietes gegeben:
Vyff stede de palentzen heitet ligget in deme lande to Sassen dar de koning echte hove hebben schal. De erste ys Grona. De andere Werle / de ys to Goßlare geleget. Walhusen ys de drudde. Alstede ys de verde. Merseborch de veffde. Seven fanleen sint ok in deme lande tho Sassen / Dat hertochdom tho Sassen unde de palentze: De marke tho Brandenborch / De landtgreveschap tho Doringen / De marcke tho Myßne / De marke to Lusitz / De greveschap tho Asscherßleve. Ok sint vier ertzebischopdome in deme lande tho Sassen / unde veffteine andere. Deme van Magdeburch ys underdan de bischop van der Nuwenborch / unde van Merseborch / unde de van Misne / unde de van Brandenborch / unde de van Havelberge. De bischop van Mentze hevet ver underdanen in deme lande to Sassen den bischop van Halverstad / unde den van Hildensem / unde den van Verden / unde den van Palborne. De bischop van Osenbrugge / unde de van Minden / unde van Munstere / de sint underdan deme van Kolne. De ertzebischop van Bremen hevet under eme den van Bremen / den van Lubeke / unde den van Swerin / unde den van Rateßburch.
[Fünf Städte, die Pfalzen heißen, liegen in dem Lande zu Sachsen, da der König offiziell Hof halten soll. Die erste ist Grone. Die andere Werla, die ist nach Goslar verlegt. Wallhausen ist die dritte. Allstedt ist die vierte. Merseburg die fünfte. Sieben Fahnenlehen sind auch im Lande zu Sachsen: das Herzogtum zu Sachsen und die Pfalzen, die Mark zu Brandenburg, die Landgrafschaft zu Thüringen, die Mark zu Meißen, die Mark zu Lausitz, die Grafschaft zu Aschersleben. Auch sind vier Erzbistümer in dem Lande zu Sachsen und fünfzehn andere. Dem von Magdeburg ist Untertan der Bischof von Naumburg und van Merseburg und der von Meißen und der von Brandenburg und der von Havelberg. Der Bischof von Mainz hat vier Untertanen im Lande zu Sachsen: den Bischof von Halberstadt und den von Hildesheim und den von Verden und den von Paderborn. Der Bischof von Osnabrück und der von Minden und van Münster, die sind Untertan dem von Köln. Der Erzbischof von Bremen hat unter sich den von Lübeck und den von Schwerin und den von Ratzeburg.]10 (Sachsenspiegel III, 62.)
Auch begann das Niedersächsische um Schleswig herum Fuß zu fassen, von wo aus es sich im 19. Jh. bis zur heutigen Grenze verbreitete. Ab dem 15. Jh. erweiterte sich das niederdeutsche Sprachgebiet noch einmal durch die allmähliche Verdrängung des Ostfriesischen in Groningen und Ostfriesland. Das Mittelniederdeutsche büßte hingegen auch an Gebiet ein. Noch im Mittelalter verschwand das Niederdeutsche aus weiten Teilen des heutigen Sachsen-Anhalts, aus dem Norden Thüringens sowie aus dem Bergischen Land.
Literatur
Verfasst wurde der Sachsenspiegel von Eike von Repgow (gest. nach 1233), über dessen Leben relativ wenig bekannt ist. Aus einigen Urkunden lässt sich schließen, dass er als Schöffe tätig gewesen sein muss. Eike von Repgow hat seine urspünglich auf Latein abgefasste Sammlung des sächsischen Gewohnheitsrechts erst später auf Ersuchen des Grafen Hoyer von Falkenstein in das Sächsische übertragen. Die Sprache des Sachsenspiegels kennzeichnet sich durch große Schärfe und Genauigkeit, was um so bewundernswerter ist, wenn man bedenkt, dass der Sachsenspiegel mehr oder weniger das früheste uns überlieferte Prosawerk mittelniederdeutscher Sprache ist.
Der Sachsenspiegel beschreibt das Landrecht (Privat- und Strafrecht sowie die Gerichtsverfassung) als das Lehnrecht (Feudal- und Staatsrecht) der Sachsen. Die gängige Einteilung des Sachsenspiegels in drei Bücher ist das Ergebnis späterer Bearbeitung, deren Ziel es wohl war, den Sachsenspiegel zitierbar zu machen.
Der Sachsenspiegel ist vielleicht das am weitesten verbreitete Rechtsbuch des Mittelalters. Ursprünglich als Sammlung sächsischen Rechts konzipiert wurde der Sachsenspiegel bald in mehr oder weniger abgewandelter Form auch in anderen Teilen des Heiligen Römischen Reiches benutzt und kam auch jenseits von dessen Grenzen zu Ansehen. In Teilen Deutschlands war der Sachsenspiegel bis weit in das 19. Jh. hinein in Gebrauch.
Von der großen Verbreitung des Sachsenspiegels schon vor Erfindung des Buchdrucks zeugen zahlreiche Handschriften, von denen vier Bilderhandschriften besonders bedeutsam sind.
Das wohl bekannteste literarische Werk dieser Periode ist das Versepos Reynke de vos. Die Parabel erzählt die Geschichte von Reineke dem Fuchs, der sich mit Gerissenheit und Niedertracht durch das Leben schlägt und aus allen Notlagen als Sieger hervorgeht. Das zum ersten Mal 1498 in Lübeck erschienene Werk geht auf eine mittelniederländische Vorlage zurück, die ihrerseits in der Tradition älterer französischer Literatur stand. Für die große Verbreitung des Werkes war die 1539 von Ludwig Dietz in Rostock gedruckte Ausgabe Reyneke de Voß de olde ausschlaggebend, die zahlreiche Neuauflagen erfuhr.
![]() Johannes Bugenhagen Pomeranus |
Das Aufkommen des Buchdrucks und die Übersetzung der Bibel ins Niederdeutsche Das wohl wichtigste Zeugnis des geschriebenen Niederdeutschen der Neuzeit ist die dem Reformator Johannes Bugenhagen (1485-1558), einem Freund und Weggefährten Martin Luthers, zugeschriebene Übersetzung der Lutherbibel in das Niederdeutsche, die nach früheren Teilausgaben (seit 1525) 1533/34 zum ersten Mal als Gesamtsausgabe erschien. Feine sprachliche Unterschiede zwischen den einzelnen Büchern der Bugenhagenbibel (1533/34) deuten darauf hin, dass der Text der Lutherbibel von verschiedenen Übersetzern in das Niederdeutsche übertragen wurde. In der 1525 erschienenen niederdeutschen Übersetzung des Neuen Testamentes schreibt Bugenhagen: Wo wol överst, dat desse arbeyt ys vullenbracht dorch eynen anderen, doch hebbe ick gehandelt unde radt gegeuen in allen örden unde steden da ydt swer was in unse düdesch tho bringende. Bugenhagen wird das Werk redigiert und herausgegeben haben. Vor Bugenhagens Übersetzung hatte es bereits andere gedruckte niederdeutsche Übersetzungen der Bibel gegeben: die Kölner Bibel (1478. Es gibt zwei Ausgaben: eine niedersächsische und eine niederfränkische, die hauptsächlich in den Niederlanden abgesetzt wurde.), die Lübecker Bibel (1494), die Halberstädter Bibel (1522) und die Übersetzung des Neuen Testaments nach Luther von Theodoricus Smedecken (1523). Diese und die vorangegangen vorreformatorischen Übersetzungen genügten nicht den theologischen Maßstäben, die Luther und Bugenhagen anlegten. In der Vorrede zur Ausgabe von 1541 kommt Bugenhagen zu einem harten Urteil: |
Unde ys uth dem Ebreischen de beste Emendatio, welkere aldererst uthgegan ys, inn dessen yare des Heren Christi, 1541. Nene beter, gewißer und klarer Translatio ys yewerle up Erden geweset, noch by den Greken, noch by den Latinischen, noch nergende. De olde düdesche Biblia, van unuorständigen Lüden, uth dem Latine [Den vorreformatorischen Übersetzungen lag die Vulgata zugrunde.] verdüdeschet, ys gegen deße tho achten Narrenwerck, und nicht werdt, dat se düdesch heten schal.
Die Sprache der Bugenhagenbibel ist später häufig von Germanisten kritisiert worden. Die Bugenhagenbibel habe sich zu sehr an den hochdeutschen Text angelehnt und sei darum irgendwie mitverantwortlich für den einsetzenden Sprachwechsel zum Hochdeutschen. Viele der hochdeutsch anmutetenden grammatischen Konstruktionen in der Bugenhagenbibel sind jedoch in Wahrheit nur altertümlich. Bugenhagen ist absichtlich, soweit wie möglich, dem Text der Lutherbibel gefolgt. Wenn das Niederdeutsche dies nicht zuließ, ist er eigene Wege gegangen. Bugenhagen selbst hat seine Übersetzungsmethode folgendermaßen zusammengefasst:
De hochdüdesche Biblia des Eerwerdigen Doctoris Martini Lutheri, mynes leuen Heren und Vaders in Christo, ys in dyt Sassesche düdesch upt alder vlitigste uthgesettet, uth synem Beuele schyr van worde tho worde, so vele alse ydt de art der reynen sprake hefft lyden mögen.
Die Sprache der Bugenhagenbibel ist gutes Niederdeutsch.
Der Theologe Gottlob Wilhelm Meyer kam zu folgendem Urteil über Bugenhagens Übersetzung: Der so sehr verdiente Johann Bugenhagen, oft auch schlechthin Doctor Pommer genannt,..., scheint die Übertragung dieses Meisterwerkes ins Plattdeutsche ganz vorzüglich veranstaltet zu haben, wenn er auch nicht selbst, wie viele vormahls glaubten, dieser Übersetzer war. Und sein Verdienst bleibt, allein in dieser Hinsicht, noch immer groß genug, wenn er auch bloß das revidierte und verbesserte, was andre, deren Namen die Sage nicht aufbehalten hat, ins Plattdeutsche übertrugen. (Geschichte der Schrifterklärung seit Wiederherstellung der Wissenschaften / Gottlob Wilhelm Meyer. - Erster Band. - Göttingen 1802. - S. 259.)
Die Kritik der Germanisten trifft eher auf Smedeckens Übersetzung von 1523 zu, und es ist wohl nicht auszuschließen, dass einige Autoren die Übersetzung von 1523 für das Werk Bugenhagens gehalten haben.
Die Sprache der Bugenhagenbibel zeigt, dass das Niederdeutsche auf dem Wege zu einer einheitlichen Schriftsprache weit vorangekommen war. Der Reizvolle dieser Bibelübersetzung für den Leser liegt darin, dass die Sprache der Bugenhagenbibel im Wesentlichen den Entwicklungsstand des heutigen Niederdeutschen erreicht hat, ganz sicher den des konservativen Westfälischen.13 Man kann die Bugenhagenbibel lesen, ohne über spezielle Kenntnisse zu verfügen.
Die Kölner Bibel, die Lübecker Bibel und die Halberstädter Bibel waren, obwohl nur wenige Jahre älter als die Bugenhagenbibel, noch mehr typisch mittelniederdeutschen Formen verhaftet. Ähnlich wie Luther hat Bugenhagen sich vermutlich von der damals gesprochenen Sprache inspirieren lassen. Dasselbe gilt für die Übersetzung von 1523, die sprachlich moderner ist als die drei vorreformatorischen Bibeln. Die Sprache der Übersetzung von 1523 ist aber weiter weniger überregional konzipiert als die der Bugenhagenbibel. Die Übersetzung von 1523 hat regionalsprachliche Einschläge, die wohl als ostfälisch zu deuten sind.
Aufgrund ihrer relativ geringen Verbreitung und ihres beschränkten Gebrauchs haben die drei vorreformatorischen Bibeln die Entwicklung des Niederdeutschen nicht beeinflusst. Die Bedeutung dieser drei Bibeln liegt darin, dass sie Zeugnisse einer frühen Phase der Übersetzungsgeschichte der Bibel sind. Der Theologe Gottlob Wilhelm Meyer schrieb dazu:
Indeß so dürftig diese Uebersetzungen im Ganzen seyn mögen: so schätzbar bleiben sie uns als Denkmähler eines durch Kenntnisse so wenig unterstützten, und durch die Umstände so wenig begünstigten Fleißes; so wichtig werden sie uns als Vorarbeiten für die folgenden Uebersetzer, denen sie doch sehr brauchbar werden konnten, um ihre Fehler zu vermeiden, und das Gute, das sie doch hin und wieder enthielten, zu benutzen; und so dienlich sind sie uns endlich, um bey dem großen Abstande, der zwischen diesen und den nachfolgenden Uebersetzungen so augenscheinlich bemerkt wird, die Verdienste der folgenden Periode mit desto größerer Gerechtigkeit zu würdigen. (Geschichte der Schrifterklärung seit Wiederherstellung der Wissenschaften / Gottlob Wilhelm Meyer. - Erster Band. - Göttingen 1802. - S. 315.)
Bugenhagens Übersetzung erreichte im Gefolge der Reformation breite Bevölkerungsschichten in ganz Niederdeutschland. Noch heute gibt es fast überall in Niederdeutschland - auch im östlichen Westfalen und in Lippe - Exemplare der Bugenhagenbibel. Man darf Bugenhagen mit Fug und Recht als den Reformator Niederdeutschlands11 bezeichnen.
Er hat auch bei der Reformation in Dänemark12, zu dem damals noch Norwegen und Schonen gehörten, eine wichtige Rolle gespielt. Der schwedischen Gustav Wasa-Bibel (1541) liegt wahrscheinlich der Bugenhagensche Text zugrunde. Der finnische Reformator Mikael Agricola, der das Neue Testament in das Finnische übersetzt hat, studierte von 1536 bis 1539 in Wittenberg, wo Bugenhagen wirkte. Die niederländische Deux-Aesbijbel bzw. Emder Bibel (1562) beruht ebenfalls auf dem Bugenhagenschen Text.
Bugenhagen und seine Mitarbeiter haben eine Schriftsprache geschaffen, die imstande war, die verschiedenen regionalen Ausformungen des Niederdeutschen zu überdachen. Diese sprachliche Leistung ist durchaus mit der Luthers zu vergleichen. Ohne den Schreibsprachenwechsel zum Hochdeutschen würde heute in Niederdeutschland eine Sprache geschrieben (gesprochen), die sich aus der Sprache der Bugenhagenbibel entwickelt hätte.
Der Untergang der niederdeutschen Schreibsprache
Im Gegensatz zu anderen germanischen Sprachen hat sich das Niederdeutsche jedoch nicht weiter zu einer modernen Schriftsprache entwickelt. Folgende Gründe lassen sich dafür anführen:
Ab ungefähr 1550 setzte sich in einem niederdeutschen Fürstentum nach dem anderen das Hochdeutsche als Urkundensprache durch. Das gesellschaftliche Leben blieb aber vorläufig von dieser Veränderung, die anfangs nur die Verwaltungsabläufe an den Fürstenhöfen betraf, unberührt. Niederdeutsch blieb Kirchen- und Schulsprache. Erst ab ungefähr 1630 beginnt die Stellung des Niederdeutschen auch außerhalb der Fürstenhöfe schwächer zu werden. Die vom Dreißigjährigen Krieg weniger betroffenen hochdeutschen Gebiete dürften in dieser Zeit endgültig wirtschaftlich und kulturell die Oberhand gewonnen haben. - Jedenfalls blieben die habsburgischen Stammlande mit dem Kaiserhof in Wien weitgehend verschont. - Das Hochdeutsche wurde zu einer Prestigesprache, in der man auch in Niederdeutschland die eigenen Kinder unterrichten lassen musste.
Man kann sagen, dass das Unvermögen der Hanse wirksam auf die Nationalstaatsgründungen in ihrer Umgebung zu reagieren und der daraus folgende wirtschaftliche und politische Niedergang des Bürgertums in Niederdeutschland die Hauptursache des Schreibsprachenwechsels war. Sieger dieser Machtverschiebung war der Adel, der den Schriftsprachenwechsel eindeutig gewollt und begünstigt hat. Die Schulen in den Städten folgten erst Jahrzehnte später, wohl unter dem Druck der inzwischen völlig veränderten wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse. Am längsten dürfte sich das Niederdeutsche als Kirchensprache gehalten haben, nicht zuletzt, weil die Bauern noch lange Zeit mehr oder weniger einsprachig waren.
Die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges und ihre generationenlangen Folgen machten jeden Ansatz zur Behauptung der niederdeutschen Schriftsprache von vornherein unmöglich. Vom früheren Wirkungsgebiet der Hanse im Heiligen Römischen Reich ging das westliche Drittel als Niederlande eigene Wege, das östliche Drittel war verwüstet, zwei Drittel der Bevölkerung waren umgekommen, das mittlere Drittel war weniger schwer vom Kriege getroffen, lag aber wirtschaftlich am Boden. Die Bevölkerung hat sich in den nächsten hundert Jahren mühsam erholt. Für die niederdeutsche Kultur war dies alles zuviel gewesen. Nach 1650 erschien kaum noch ein niederdeutsches Buch.14
Nach dem Untergang der niederdeutschen Schriftsprache begannen die verschiedenen niederdeutschen Mundarten, die es vorher schon gab, sich vollends auseinander zu entwickeln.
Die Begriffe Sassisch, Westfälisch, Niedersächsisch und Plattdeutsch
Im Mittelalter waren die verschiedenen Varianten des Niederdeutschen ausschließlich unter dem Namen "Sächsisch" (Sassesch, Sassisch, Sessisch, lingua Saxonica) bzw. "Westfälisch"4 bekannt gewesen. In der frühen Neuzeit hatte sich jedoch der Begriff Sachsen auf das Gebiet östlich der Weser verengt5 und war zudem zur besseren Unterscheidung vom obersächsischen Gebiet in Niedersachsen abgewandelt worden. Seit 15126 war das Heilige Römische Reich in zehn Kreise eingeteilt: Das Gebiet westlich der Weser gehörte zum Niederrheinisch-Westfälischen Kreis, während der Raum zwischen Weser und Elbe, Mecklenburg und Holstein den Niedersächsischen Kreis bildeten. Brandenburg und Pommern waren Teil des Obersächsischen Kreises. Die heutigen Benelux-Länder gehörten zum Burgundischen Kreis.

Der Ausdruck sächsische Sprache als Gesamtbezeichnung des Niederdeutschen war dadurch nicht mehr selbstverständlich. Statt dessen wurde der ursprünglich geographische Ausdruck Niederdeutsch gebraucht. Der schriftsprachliche Ausdruck Niederdeutsch hat niemals Eingang in die gesprochene Sprache gefunden. Im Niederdeutschen selbst wird die Sprache Plattdütsk (Plattdeutsch) oder einfach Platt genannt. Die Entstehung des Begriffes Plattdeutsch wird deutlich, wenn man den Untertitel eines niederländischen Neuen Testamentes7 von 1524 zum Vergleich heranzieht, nach dem das Neue Testament in goede platten Duytsche wiedergegeben wird. Der Begriff Plattdeutsch ist als klares, allgemein verständliches Deutsch zu deuten. Vielleicht ist dieser Begriff auch in Abgrenzung zur im 16. Jh. entstehenden barocken hochdeutschen Verwaltungssprache geprägt worden8.
Neben dem neuen Begriff Plattdeutsch hielt sich, wenngleich selten gebraucht, die ältere Bezeichnung Westföälsk. Östlich der Weser scheint der Begriff Neddersassisch (Niedersächsisch) benutzt worden zu sein. Der Begriff Westfälisch konnte sich halten, weil auch nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches mit seiner Kreiseinteilung (1806) eine Gebietseinheit namens Westfalen in Gestalt der gleichnamigen preußischen Provinz bestand. Der Begriff Niedersachsen hingegen wurde vom Namen des Königreiches Hannover verdrängt.9
Der schriftsprachliche Begriff Sassisch wurde noch bis in das 20. Jh. hinein sporadisch von sowohl niederdeutsch schreibenden als auch hochdeutsch schreibenden Autoren als Gesamtbezeichnung der niederdeutschen Mundarten gebraucht. - Bis zu einem gewissen Grade ist der Ausdruck Sassisch die niederdeutsche Entsprechung des hochdeutschen Begriffes Niederdeutsch. Der Ausdruck Plattdütsk hingegen ist eher umgangssprachlich und hat ursprünglich wohl nur den sozialen und kommunikativen Kontext eines Gespräches bezeichnet. - Das Wort Sassisch ist im Laufe des 20. Jhs. weitgehend in Vergessenheit geraten, wobei die in den 20er Jahren erfolgte Wiedereinführung des geographischen Begriffes Niedersachsen/niedersächsisch eine Rolle gespielt haben mag. Vom Standpunkt der niederdeutschen Sprachpflege gesehen ist das sehr bedauerlich, da der Begriff Sassisch keine Fremdbezeichnung ist, sondern ein altes mittelniederdeutsches Wort. Mit dem Ausdruck Sassisch dürfte sich der größte Teil der niederdeutschen Bewegung indentifizieren können, was bei den anderen Begriffen offensichtlich nicht der Fall ist.
Der Sprechsprachenwechsel
Das Niederdeutsche scheint im 18. Jhd. in den meisten Städten als Verkehrssprache vom Hochdeutschen abgelöst worden zu sein. Es lebte in Gestalt kleinräumiger Mundarten im ländlichen Raum fort. Die zweisprachige Situation war dort bis in das 19. Jh. einigermaßen stabil. Mit der im 19. Jh. beginnenden Umgestaltung der Gesellschaft (Neugestaltung der Wirtschaft durch die industrielle Revolution, größere Mobilität weiter Bevölkerungskreise, allgemeine Schulpflicht, Entstehen der Massenkommunikationsmittel u.s.w.) setzte auch dort der Rückgang des Plattdeutschen ein, der bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist. Der Sprechsprachenwechsel war im Grunde die logische Folge des Schreibsprachenwechsels.

Die Entstehung einer Literatur in niederdeutscher Mundart
Vermutlich war es das allmähliche Verschwinden des Niederdeutschen in den Städten, das in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. zu wissenschaftlichem Interesse an dieser Sprache führte, das sich in einer Reihe von Wörterbüchern und Zeitschriftenartikeln äußerte. Einige Jahrzehnte später im 19. Jh. begann eine Reihe von Autoren das Niederdeutsche auch wieder als geschriebene Sprache zu gebrauchen. Seither ist eine beachtenswerte Literatur entstanden. Kennzeichen dieser neuen niederdeutschen Literatur ist, dass sie in niederdeutscher Mundart geschrieben ist. Einen überregionalen Standard gibt es nicht. Es wurden auch so gut wie keine Versuche unternommen, in der Rechtschreibung an die alte niederdeutsche Schreibsprache anzuknüpfen. Die meisten Autoren lehnen sich mehr oder weniger an die hochdeutsche Rechtschreibung an.
Anerkennung als Regionalsprache und Aufkommen des Internets
Im Jahre 1999 wurde das Niederdeutsche von acht Bundesländern als Regionalsprache im Rahmen der Europäischen Charta für Regional- und Minderheitensprachen anerkannt. Wenn das niederdeutsche Kulturleben seither aufgelebt ist, ist das kaum dieser gut gemeinten Geste zu verdanken. Der Grund dafür ist vielmehr im Aufkommen der Internets zu suchen, das es möglich gemacht hat, die Schätze der niederdeutschen Literatur allen Interessierten zur Verfügung zu stellen und die Sprecher und Freunde des Niederdeutschen miteinander in Kontakt zu bringen.
Die Zahl derer, die gute oder sehr gute aktive Kenntnisse des Niederdeutschen angeben, sinkt rapide, wie die bekannten Umfragen zeigen. Im Großen und Ganzen wird es sich dabei um Muttersprachler handeln, deren Durchschnittsalter inzwischen recht hoch liegen dürfte. Wenn ein Sprachwechsel erst einmal um sich gegriffen hat, ist ihm nur schwer Einhalt zu gebieten, wie sich am Beispiel der gälischen Sprache in Irland gezeigt hat. Glücklicherweise ist das Absterben einer Sprache ein sehr langwieriger und komplizierter Prozess, und in Bezug auf das Niederdeutsche ist gewiss noch nicht aller Tage Abend.
Die gute Nachricht ist, dass der Anteil derer, die in Umfragen mäßige aktive Kenntnisse des Niederdeutschen angeben, viel langsamer sinkt. Im Allgemeinen wird es sich dabei um Leute handeln, die das Niederdeutsche erst später gelernt haben. Die Verbreitung von Wörterbüchern, Grammatiken, niederdeutscher Literatur u.s.w. ist offensichtlich nicht ohne Wirkung geblieben. Übrigens lehrt das Beispiel Irlands auch, dass es durchaus möglich ist ein gesellschaftliches Klima herbeizuführen, in der die Menschen sich wieder der Minderheitensprache zuwenden und diese auch aktiv gebrauchen. (In Irland sind dies etwa 15% der Bevölkerung.)
Es käme dem Erhalt des Niederdeutschen sehr zugute, wenn der merkwürdige Unterschied, den die Bundesrepublik zwischen dem Niederdeutschen als Regionalsprache und den Minderheitensprachen in Deutschland wie z.b. Friesisch bei ihrem Beitritt zur Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen gemacht hat, fallengelassen würde. Die Öffentlichkeit geht nämlich selbstverständlich davon aus, dass die Angehörigen einer Minderheit Recht auf Unterricht ihrer Sprache und überhaupt Recht auf einen kulturellen Freiraum haben, ganz gleich wie assimiliert der Einzelne sein mag. Das Bekenntnis zu einer Minderheit wird eben nicht hinterfragt. Niederdeutscher hingegen ist man nach landläufiger Meinung erst, wenn man das Niederdeutsche von Haus aus mitbekommen hat, was nach generationenlanger Unterdrückung und Verächtlichmachung des Niederdeutschen schon lange nicht mehr selbstverständlich ist und in Zukunft noch viel weniger der Fall sein wird. Niederdeutsch sollte als Minderheitensprache anerkannt werden. Die Öffentlichkeit sollte dem Niederdeutschen mit derselben Haltung begegnen wie dem Friesischen oder dem Dänischen.
Das Niederdeutsche bedarf allerdings einer geschriebenen Hochsprache, in der sich z.B. auch wissenschaftliche Literatur verfassen lässt. Nun gibt es tatsächlich Ansätze, einige der bestehenden niederdeutschen Kulturdialekte zu Hochsprachen auszubauen. Das wird aber nicht funktionieren, denn Sprecher aus anderen Regionen werden niemals eine fremde Mundart akzeptieren. Ein Dialekt bleibt ein Dialekt. Die regelmäßig zu beobachtenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Sprechern aus verschiedenen Regionen hinsichtlich der anzuwendenden Schreibweise sind letztlich Folge der inadäquaten am Hochdeutschen orientierten Schreibung.
Eine Erfolg versprechende Möglichkeit könnte die Entwicklung einer Schreibsprache Sassisch nach dem Vorbild der frühneuniederdeutschen Schriftsprache des 16. und 17. Jhs. sein. Solch eine Schriftsprache dürfte nicht phonetisch geschrieben werden, sie müsste die Dialektunterschiede zudecken und überbrücken, anstelle sie zu betonen.
Soll das nun heißen, dass von der Beschäftigung mit der regionalen Mundart abzuraten ist? Keinesfalls. Die regionale Mundart wird immer der direkte Bezug zum Niederdeutschen bleiben. In bestimmten Situationen kann es auch durchaus sinnvoll sein, für die regionale Mundart eine am Hochdeutschen orientierte Schreibweise zu gebrauchen. Will man aber Ernst machen mit einem überregionalen niederdeutschen Kulturleben, ist eine überregionale Schriftsprache die Voraussetzung. Es ist eine Binsenweisheit, dass jede Neuerung auch Gefahren in sich birgt. In Bezug auf das Niederdeutsche ist die Wahl aber nicht schwierig. Noch länger die ausgetretenen Pfade der letzten zweihundert Jahre zu beschreiten, bedeutet den sicheren Untergang des Niederdeutschen. Eine überregionale Schriftsprache nach frühneuniederdeutschem Muster hingegen würde die Rückkehr zur Tradition bedeuten mit vielleicht besseren Aussichten.
1 Archäologen unterscheiden im norddeutschen Raum drei kulturell eigenständige "Fundprovinzen": die der Nordseegermanen, die der Weser-Rheingermanen und die der Elbgermanen. Dieses passt zur Auffassung römischer Autoren (Tacitus, Plinius), die die in diesem Raum ansässigen Germanen in drei Gruppen unterteilten: Ingväonen, Istväonen und Irminonen. Die ältere germanistische Forschung ging davon aus, dass diese drei Gruppen ursprünglich eine westgermanische Sprachgemeinschaft gebildet hätten. Heute geht man davon aus, dass es um Christi Geburt fünf germanische Sprachgruppen gab: Nordseegermanen (Ingväonen), Weser-Rheingermanen (Istväonen), Elbgermanen (Irminonen), Ostgermanen (Vandili) und Nordgermanen (Illevionen). (Siehe auch: Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache / von Theodor Frings. - 3. erweit. Aufl. - Halle (Saale) : Max Niemeyer, 1957, S. 46 - 57 ; Karten 56a - 60)
2 Wahrscheinlich ist der Name Westfalen mit dem schwedischen Wort fala verwandt, das "mit Heide bewachsene Ebene" bedeutet. Zu denken wäre hierbei an das Emsland und die Münsterländer Tiefebene mit ihren ausgestreckten Sandböden, die noch im 19. Jhd. weitgehend von Heide bedeckt waren. Für die Verwandtschaft mit dem Wort fala spricht, dass die Landschaft um Hildesheim noch im Mittelalter (H)astfala (Ostfalen) hieß. Die lateinischen Wörter Westfalahi(s) und Oostfalahi(s), die im Capitulare Saxonicum zur Bezeichnung der Westfalen und der Ostfalen gebraucht werden, deuten ebenfalls auf einen Zusammenhang mit dem Wort fala hin. Sollte dies richtig sein, wären die Namen "Ostfalen" und "Westfalen" vor der Integration des Harzes (6. Jhd.) und des Sauerlandes (7. Jhd.) in das sächsische Gebiet entstanden.
3 Die Ausdehnung der mittelalterlichen Bistümer lässt sich anhand der in den Quellen genannten Gaue (siehe Karte) bestimmen: Zum Bistum Münster gehörten u.a. die Gaue Sudergo, Dreini, Scopingun, Bursibant und Hamaland. Das Bistum Osnabrück umfasste die Gaue Threcwiti, Grainga, Dersaburg, Hasagowe, Agredingo und Leriga. Das Bistum Paderborn umfasste die Gaue Patherga, Wehsiga, Theotmalli, Huettago, Auga, Netga, Almanga, Nihthersi und Hessa. Zum Bistum Köln gehörten u.a. die Gaue Westfalon und Angaron.
Die Gaue waren nach der fränkischen Eroberung entstandene Gerichtsbezirke, die von einem Grafen verwaltet wurden. Es ist durchaus möglich, dass einige dieser Bezirke an ältere Gebietseinheiten anknüpften. Das karolingische Herrschaftssystem war danach bestrebt, in der Rechtspflege den Vorstellungen der unterworfenen Völker entgegenzukommen.
Der Linie, entlang derer heute das Münsterländische und das Südwestfälische von einander abgegrenzt werden können, entspricht weitgehend der Grenze der Bistümer Münster und Köln im Mittelalter. Das Gleiche gilt für den Verlauf der Trennungslinie zwischen Ostwestfälisch und Münsterländisch, der weitgehend der mittelalterlichen Bistumsgrenze von Osnabrück und Münster folgt. Die Grenze zwischen Ostwestfälisch und Südwestfälisch deckt sich weitgehend mit der mittelalterlichen Bistumsgrenze von Paderborn und Köln.
4 Um 1513 beschrieb ein westfälischer Geistlicher die sprachlichen Unterschiede im heiligen Land zur Zeit Jesu, indem er sie mit denen des Westfälischen und des Niedersächsischen verglich: Eyn cleyne schelede galileus sprake unde Iherusalemes (alse westfeles unde sassesch). "Ein bisschen unterschied sich die galiläische Sprache von der Jerusalems (wie Westfälisch und Sächsisch)." Der erste Teil des Satzes ist ein Zitat des heiligen Augustinus. Die Bemerkung alse Westfeles unde Sassesch ist ein Zusatz eines der drei Übersetzer. Gersons Monotessaron wurde um 1513 im Kloster Dahlheim im Hochstift Paderborn ins Mittelniederdeutsche übersetzt. Die Übersetzer waren Iohannes Vinke van Soist, Albertus Niggestat und Iasperus van Altena.
(Monotessaron : eine mittelniederdeutsche Fassung aus dem Jahre 1513 ; (Diözesanarchiv Trier, Nr. 75) / Johannes Gerson. Hrsg. von Axel Mante. - Lund : C.W.K. Gleerup, 1952
(Lunder germanistische Forschungen ; 25), S. 350)
5 Um 1474 schrieb der Mönch und Chronist Werner Rolevinck (1425-1502) über Westfalen:
Nam [Westphalia] Saxonibus contigua vergit ad Hassiam, deinde ad Westerwaldam, hinc ad ducatum Montensem super Rhenum situm, deinde ad ducatus Clivensium et Gelrensium se mutuo complectentes, hinc ad Twentam, Drentam, Frisiamque ac demum ad Saxoniam iterum pertingit. "Sachsen benachbart grenzt es [Westfalen] an Hessen, dann an den Westerwald, dann an das Herzogtum Berg am Rhein, danach an die in einander verschlungenen Herzogtümer Kleve und Gelre, dann an Twente, Drenthe und Friesland, und schließlich stößt es wiederum an Sachsen." (De laude antiquae Saxoniae nunc Westphaliae dictae I,1)
(De laude antiquae Saxoniae nunc Westphaliae dictae = Ein Buch zum Lobe Westfalens des alten Sachsenlandes / Werner Rolevinck. Der Text der lateinischen Erstausgabe vom Jahre 1474 mit deutscher Übersetzung hrsg. von Hermann Bücker. - Münster Westf. : Aschendorff, 1953)
6 Die Grenze zwischen dem Westfälischen und dem Burgundischen Kreis erhielt erst 1548 durch den Burgundischen Vertrag ihren endgültigen Verlauf, wie er auf der Karte zu sehen ist.
7 Dat Niewe Testament, welc is dat levende woert Goods, wtghesproken doer onsen salichmaker Jesus Christus......met groter naersticheyt overgeset ende gheprent in goede platten Duytsche / hier is oec by gheset een perfecte tafel om te vinden alle de Evangelien ende dye Epistelen, die wt den Nieuwen Testament int Ambacht der Missen daghelyck ghelesen worden. - Delft, in Hollant : ten huyse van Cornelis Heynrick. z., lettersnyder, wonende by de Vismarkt, [1524]
In Belgien lebt anscheinend noch hier und da der Ausdruck Platdietsch. (Der Autor hat das Wort im Fernsehen aus dem Munde eines Bewohners der Voerstreek gehört.)
Als Übergang vom mittelalterlichen Ausdruck "Sächsisch" zum neuzeitlichen Begriff "Plattdeutsch" ist wohl die Angabe in der mittelniederdeutschen Übersetzung von Luthers Betbüchlein (Bedebok unde Lesebok, Wittenberg, 1523) zu verstehen, wonach dieses von Theodoricus Smedecken yn der Sassen dudesch vorwandelt worden sei.
8 Als Graf Konrad (Kord) von Tecklenburg 1557 gestorben war, widmeten ihm seine Untertanen folgende Verse:
Do et heet Grave Kord
Do was en Wort en Wort.
Doch nu et heet Hochwohlgeboren
Do is Hoppen un Molt verloren.
Unter Kord war die Verwaltung der tecklenburgischen Lande mittelniederdeutsch. Nachdem er ohne männlichen Erben gestorben war, fielen die tecklenburgischen Territorien an den Grafen von Bentheim, der mit Kords einziger Tochter verheiratet war. Daraufhin wurde in den tecklenburgischen Gebieten das Hochdeutsche als Sprache der Verwaltung eingeführt.
9 Während der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien (1714-1837) stand der niedersächsische Raum wieder in Kontakt mit England. Möglicherweise ist der englische Begriff Low Saxon in dieser Zeit entstanden. In den Niederlanden wird der Name einer Mundart von dem der jeweiligen Provinz oder dem des jeweiligen Landstriches abgeleitet. Dass der urspünglich sprachwissenschaftliche Begriff Nedersaksisch inzwischen in den aktiven Wortschatz von Kreisen der Bevölkerung übergegangen ist, ist in erster Linie auf das niederländische Bildungswesen und die Presse zurückzuführen. Einen indirekten Einfluss des Englischen kann man nicht ausschließen.
10 Es sei noch erwähnt, dass das für den größten Teil der sogenannt niedersächsischen Gebiete der Niederlande zuständige Bistum Utrecht in der Beschreibung des sächsischen Gebietes, wie sie der Sachsenspiegel gibt, nicht vorkommt.
11 Zahlreiche niederdeutsche Kirchenordnungen wie die Braunschweigs, Hamburgs, Hildesheims, Holsteins, Lübecks, Pommerns und Schleswigs gehen auf Bugenhagen zurück. Diese Kirchenordnungen fungierten wiederum als Modell für andere Orte. So hat z.B. Lemgo in Lippe sich anscheinend an der braunschweigischen Kirchenordnung orientiert. Folgende Originalquellen sind mir bekannt:
12 Kirchengeschichte von Dänemark und Norwegen / Friedrich Münter. - Leipzig : Friedr. Christ. Wilh. Vogel, 1833. - S. 471 ff.
13 Allerdings wurden Genitiv und Dativ noch so regelmäßig gebraucht, wie im heutigen Hochdeutschen. Der damalige Wortschatz enthielt einige Wörter, die im heutigen Niederdeutschen nicht mehr vorkommen, wie z.B. wente ("weil"). Es gilt zu berücksichtigen, dass die Schriftsprache des 16. Jhs. und die heutigen Mundarten sich stilistisch auf unterschiedlichen Ebenen befinden.
14 Kinderling kam ebenfalls zu dem Schluss, dass der Dreißigjährige Krieg der Anlass für den Untergang der niederdeutschen Schriftsprache war. (Geschichte der Nieder-Sächsischen oder sogenannten Plattdeutschen Sprache vornehmlich bis auf Luthers Zeiten nebst einer Musterung der vornehmsten Denkmahle dieser Mundart / entworfen von M. Joh. Fried. August Kinderling, Magdeburg, 1800, S. 397.)
| Stand: 27. Juli 2010 | Kontakt | Zurück |